Note: Dieser Blogeintrag habe ich vor etwa einem Monat in meinem Heft verfasst, am 10. Oktober. Heute habe ich die letzten Sätze digialisiert. Endlich also fertig, endlich lässt er Platz für neue Blogeinträge in meinem Kopf, die auf meiner Liste stehen. Aber nicht so gewichtig waren wie dieser hier:

Der Nachteil an einem öffentlichen Blog ist, dass alle ihn lesen können. Und ich bin mir gerade nicht sicher, ob ich will, dass alle so tief in mich hineinblicken können. Gleichzeitig will ich unbedingt darüber schreiben, nicht einfach für mich, sondern hier, in diesem Format. Denn zu meinem Jahr gehören eben nicht nur die glücklichen, strahlenden Momente. Und ich will auch nicht nur die.
Liebe/r Leser*in, mach es dir bequem, schlürfe an einem Tee oder Kaffee, nimm dir Zeit. Dieser Eintrag ist lang und ich würde es schätzen, wenn du ihn dir nicht im Stress durchlesen würdest, wenn du dich auf meine Worte einlassen könntest. Sitzt du bequem? Hast du gerade ein offenes Herz? Ja? Dann kanns losgehen.

Die zweite Welle an ungemütlichen Gefühlen überrollte mich am Dienstagabend. Die erste erreichte mich an einem Samstagabend in den ersten Wochen, aber darüber schreibe ich ein andermal.
Am Dienstag versammelte sich die ganze DVHL-Bande zum Seminar in Bethlehem. Wir kamen fast allesamt zu spät in unserer Unterkunft an, (Lifegate Garden, kann ich nur empfehlen, falls mal jemand in Bethlehem eine Unterkunft sucht) und starteten sehr rasch mit dem Programm. Es ging darum, was wir vermissen, was typisch für unsere jeweilige Einsatzstelle ist, was uns Mühe bereitet in der anderen Kultur, und noch irgendwas, was mir gerade nicht einfallen will. Viel nachdenken musste ich dafür nicht, mir war schon bewusst, was mir fehlt. Auch die anderen Punkte konnte ich schnell und sicher in Worte fassen. Wir haben es in Kleingruppen besprochen, und ich hatte das Gefühl, mir ginge es super. Im Nachhinein glaube ich, dass die Gefühlsspirale, die mich später ergriff, hier ausgelöst wurde. Ich habe es nur nicht gleich wahrgenommen im Moment.
Mit Gefühlen ist es bei mir nämlich manchmal wie mit dem Müll in unserer Küche hier. Manchmal vergessen wir, etwas richtig auszuwaschen oder so, und dies fängt dann an zu stinken. Allerdings fällt der Gestank natürlich nicht von Anfang an auf, der Geruch kommt schleichend. Erst schwebt da in dem Raum nur ein leicht unangenehmer, undefinierbarer Geruch, den man gut ignorieren kann, an den sich die Nase schnell gewöhnt. Bald braucht es schon ein gekochtes Essen oder Kaffeeduft, um den Geruch nicht mehr so wahrnehmen zu müssen, und irgendwann hilft es nur noch, ein Streichholz anzuzünden. Für die, die es nicht wissen, Brandgeruch nimmt unsere Nase sofort in Anspruch. Naja, und irgendwann stinkt es bestialisch in der Küche und man weiss gar nicht mehr, woher der Gestank eigentlich kommt, oder was die Ursache ist. Der Müll muss notfallmässig entsorgt, die Küche gelüftet werden, niemand hält sich gerne dort auf. Nur, weil man etwas nicht richtig ausgespült hat, weil man sich einmal da nicht genug Zeit genommen hat. Also meine Lieben, kümmerte euch um euren Müll – und um eure Gefühle.
Natürlich hatte ich mir im Seminar nicht die Zeit gegeben. Diskussion „Ich am Arbeitsplatz“, Stadtrundgang in Bethlehem, Essen. Und dann, als ich endlich Zeit hatte, nahm ich auf einmal das heftige, verwirrende, undefinierbare Gefühl in mir wahr. Es ist mir altbekannt und doch jedes Mal neu. Es macht mich rastlos, und zieht mich weg, weg von anderen Menschen. Weg von anderen Wesen mit Gefühlen, die auf meine prallen, die mir einfach viel zu viel sind. Ich entfernte mich von der Unterkunft, setzte mich in die Dunkelheit zu ein paar Bäumen, Natur ist immer beruhigend. Der wunderschöne Blick über die funkelnden Lichter von Bethlehem konnte mich nicht ergreifen, ich spürte nur den Aufruhr in mir, aus dem ich nicht schlau wurde. Es machte mich fast verrückt, dass ich den Auslöser nicht nennen konnte. Ich wollte doch eigentlich so gerne bei den andern sein können, mit ihnen lachen, reden, die ganze Truppe zusammen erleben. Aber ich konnte nicht. Es ist so schwierig für mich, aus diesen Nebelmomenten rauszukommen. Ich brauche einen Anhaltspunkt. Am besten von Aussen.
Ich weiss, dass ich jeden von der DVHL-Truppe um Hilfe fragen kann. Ich konnte nur nicht. Wenn ich in diesen Spiralen drin bin, dann braucht es nur einen kleinen Schubs in die falsche Richtung, und ich ziehe mich noch mehr zurück. Und ich weiss dabei selbst nicht, welcher Schubs mich rausholt, welcher mich die Spirale weiter runter schickt. Ist also eine heikle Situation da.
Es gibt ein paar Menschen, von denen ich weiss, dass sie sich richtig verhalten werden. Nach einer ziemlich langen Weile beschloss ich, mich an sie zu wenden.
So rief ich erst Lars an. Es klingelte, klingelte, und klingelte. Er antwortete nicht. Es war in Ordnung, dass er keine Zeit hatte. Ich überlegte eine Weile, und griff dann zum Telefon. Es tutete. Zweimal. Und dann hörte ich Nishas Stimme.
„Hey“
„Hey“
Es war das Gefühl, als ob ich aus der stinkenden Küche raustrete, und die klare, kühle Nachtluft mich umgäbe.
„Wie goht´s dir?“
„Hmmm okay.“
„Also nit guet.“
Und etwas löste sich in mir. Klare Luft durchströmte meine Lungen, vertrieben den Nebel und alles, was blieb, war nackter Schmerz. Das hatte sich hinter dem verschwommen benommenen Gefühl versteckt. Befreiende Tränen rannen meine Wange hinunter.
„Ich weiss nitemol, wurum ich grad muess hüüle“, beichte ich Nisha, auch wenn es mir dämmert, sobald die Worte aus von meinen Lippen geflüchtet sind. Vermissen.
Ich vermisse Zuhause. Ich vermisse es, in der Schule zu sitzen, umrundet von meinen wunderschönen Freunden. Die endlosen Diskussionen mit Marko, Zeitung lesen und philosophieren mit Chrigi. Salsa tanzen mit Ceyda, die Selbstverständlichkeit ihrer Liebe. Mels ganzes Dasein, ihr Vertrauen, unsere Art, uns zu verständigen. Ich vermisse es, im Zimmer zu sitzen, zu lernen, und von Elisha besucht zu werden, zu lachen, Dinge zu erklären, Nastücher einander anzuschmeissen. Ninas Umarmungen. Sinas unendliche Kreativität. Tobits nervige Art, besserwisserisch zu sein. Ausser Nishas alles umwebende Liebe, die musste ich in diesem Moment nicht vermissen. Desnn sie war mir in diesem Moment so nah, gab mir den Platz, meine Gefühle zu spüren. Ihre ganze Art, mich zu nehmen, wie auch immer ich bin. Und ihre Sprache. Meine Sprache.
Ich glaube, das ist ein Grund, warum es mir so unmöglich war, in diesem Moment Hilfe von den anderen Volos zu holen. Ich hätte die Worte nicht gefunden. Die Worte wären nicht nah genug an meinem Herzen gewesen. Der gleiche Grund, aus dem ich diesen Eintrag nicht auf Schweizerdeutsch schreiben könnte: Er wäre mir dann zu nah gewesen.
Es ist wie… Hochdeutsch hilft mir, Distanz zu bekommen, zu beschreiben. Über Gefühle zu schreiben. Wenn ich gerne über Formulierungen nachdenke, mit welchen Mitteln ich am besten meine Gefühle rüberbringen kann. Schweizerdeutsch benutze ich, wenn ich in mein Notizbuch schreibe, wenn ich mit Gefühlen schreibe. Es ist dann, wenn ich ungefiltert die Worte aus meinem Kopf lassen kann. Ich muss keine Millisekunde zögern, weil das Wort vielleicht unverständlich sein könnte. Es ist meine Muttersprache, und irgendwo auch Teil meiner Identität, den ich auf keinen Fall verlieren möchte. Manchmal erwische ich mich selbst dabei, wie ich auf Hochdeutsch denke – und wehre mich vehement dagegen.
Ich rede mit Nisha darüber, und über andere Sachen. Nisha formuliert die Worte, die ich zu hören brauche, die ich mir selber gesagt habe, schon tausendmal. Nur, wenn es jemand anders sagt, ist es nochmal so viel wirkungsvoller. „Es ist okay, sich nicht gut zu fühlen. Und es ist okay, Abstand zu suchen.“ Sie sagte, ich solle mich auch den anderen gegenüber nicht schlecht fühlen, dass ich sie nicht um Hilfe fragen kann. Und wir reden über ihr Leben, über mein Leben. Über was genau, kann ich nicht mehr sagen. Ich weiss nur noch, wie ich mehr und mehr die Lichter von Bethlehem wahrnahm und bewunderte, wie der Schmerz in meiner Brust zwar nicht verschwand, sich aber eine Wärme dazugesellte, den ihn ganz gut aushaltbar machte. Bis ich mich irgendwann stabil genug fühlte, zurückzugehen zu den andern. Die Schritte weg von dem kleinen, isolierten Platz waren langsam, unsicher, doch fest. Mit Nisha in meinen Ohren und Herzen trat ich zu den anderen, sah Eleana, die mich gesucht hat. Umarmte sie. Fühlte die Stärke in meine Knochen zurückkommen.
Den Rest des Abends genoss ich in vollen Zügen. Um mich herum die Menschen, die genauso schön funkeln wie die Lichter von Bethlehem und in mir diejenigen, die wie Sternenlichter mir von fern ihr Licht mitgeben.

0 0 vote
Article Rating