Dienstagmorgen. Mein Telefon klingelt. Die Augenlieder noch mit Schlaf gefüllt greife ich nach dem schellenden Ding. Unbekannte Nummer. 8:55 Uhr. Nein. Es sind Ferien. Ich will den unbekannten Menschen nicht mit meiner kratzenden Morgenstimme begrüssen. Ich sinke zurück in mein Bett, unter die Decken, von meinen Träumen gewärmt.
30 Minuten später öffne ich meine Augen wieder, recke meinen Körper, geniesse es, einfach liegen zu bleiben. Wieder greife ich nach Telefon, sehe die Nachricht von eben der unbekannten Nummer, die mich angerufen hat.
Hi Yael. Hope you do well. If u need anything (especially under the new tension) just let me know. Hugs, Avrum
Avrum ist der Freund von Andrea, deren Katzen ich momentan hüte, da Andrea in Deutschland ist. Tensions? Was meint er? Ist denn etwas mit den Katzen los? Vielleicht ist irgndwas passiert in diesem angespannten Land. Einen kurzen Exkurs ins Internet erleuchtet mich. Israel hat den Führer des Islamischen Djihads in Ghaza umgebracht. Ghaza reagiert mit Bomben am Dienstagmorgen.
Ich antworte Avrum, ich wisse noch nicht genau, was ich fühle, aber ganz sicher sei es keine Angst.
Ich mache mir Kaffee, setze mich an meinen Schreibtisch. Weiss nicht, was ich mit mir anfangen soll. Mein Handy vibriert ununterbrochen. Der Volo-Chat. Die anderen berichten. Es sei Ausnahmezustand in Tel Aviv. Über 200 Raketen in Richtung Tel Aviv abgeschossen. Sagen sie. Ich starte mein Laptop, öffne verschiedene Nachrichtenseiten, lese nach. Stehe auf, zünde eine Kerze an. Starre aus dem Fenster. Für alle, deren Brustkorb von Angst und Hass und Panik erfüllt ist. Für alle, die den Streit der Obrigkeit austragen müssen. Komisch, dieses Gefühl, dass all dies etwa 100 km von mir passiert. So irreal. Dass die Raketenalarme ununterbrochen schellen. Ich bin froh, dass es den Iron Dome gibt. Und hier in Jerusalem ist ein ganz normaler Tag. Ich betrachte die Karte, die über meinem Schreibtisch hängt, sehe, wie nah Tel Aviv, Jerusalem, Ashdod sind, wie klein dieses Land ist.
Ich mache eine Sprachnachricht in den Familienchat, um zu erzählen. Und um zu sagen, dass es mir gut geht. Zuhause haben nicht viele von der Attacke gehört. Eine kleine Meldung in der Zeitung, sonst nichts. Und hier haben alle Angst. In den Chat vom Tanzen wird eine Nachricht geschickt, ein Text ruft auf, in solch unsicheren Zeit Ruhe zu bewahren.
Nein, Angst habe ich nicht. Ich bin ruhig. Betäubt. Irgendwie. Weiss man irgendwann, wie man mit sowas umgeht? Was man fühlen soll?
Wie reich bin ich, wie wohlhabend bin ich, dass ich mich noch nie mit so einer Situation auseinandersetzen musste.