Ich sitze auf meinem Bett. Noch mein Bett. Heute Nachmittag wusste ich nicht, wie oft ich noch hier übernachten werde. Jetzt weiss ich es. Der Flug ist gebucht. Am Donnerstag. Zwei Nächte, das ist nichts. Nichts im Vergleich zu den eigentlichen 5 Monaten.
Gestern Nachmittag rief uns Susanna aus Köln an. Es ging um unsere Beschäftigung, was wir jetzt machen, wenn wir etwa einen Monat ohne Arbeit in unserer Wohnung hocken. Auf die Frage, ob wir vielleicht nach Hause müssten, antwortete sie verneinend. Sie denke nicht. Zwei Stunden später lese ich einen Artikel auf Haaretz, der englischsprachigen Zeitung in Israel. Er sagt, es sind crazy Zeiten. Er handelt um die Politik und was sich alles so geändert hat in 24 Stunden. Es geht alles drunter und drüber mit der Politik, mit Israel. Das ist das einzige, was ich dem Artikel entnehmen kann.
Dann kommen die ersten Nachrichten in der grossen Whatsappgruppe aller deutschen Volontäre.
“Müsst ihr auch nach Hause?”
Ich bin etwas erschrocken, aber auch beruhigt dadurch, dass anscheinend nur die von der Organisation Weltwärts und Berliner Missionswerk nach Hause müssen. Ich checke meine Mails. Vom DVHL kommt nichts. Puh. Wir dürfen sicher bleiben! Es gibt ja auch gar keinen Grund, zu gehen…
Ein paar Minuten später rufen zwei meiner Freunde aus der Schweiz an. Melli und Nisha. Ich erkläre ihnen, dass ich hoffe, nicht nach Hause zu müssen. Ich wiederhole und wiederhole, dass ich nicht nach Hause will. Meine Worte werden von einem Anruf unterbrochen. Dirk Poppendieker. Der Zuständige der Volontäre an der Schmidtschule. Mein Herz gefriert. Ich sage nur tschüss, beende das schweizer Gespräch und nehme den deutschen Anruf an.
Mit ruhiger, warmer Stimme, in der ich einen leicht sorgenden Unterton ausmachen kann, erklärt Dirk, dass Susanna angerufen hat. Dass wir besser unsere Eltern informieren. Dass wir nach Hause müssen.
Ich bleibe gefasst. Erst. Schockstarre. Ich trete aus meinem Zimmer, rufe Eleana und Theo und sage: Wir müssen heim. Dirk hat angerufen. Da laufen mir schon die Tränen runter. Die Starre hat sich gelöst.
Mehr halte ich nicht aus. Ich mache meine Zimmertüre zu und rufe Zuhause an. Ich sehe mein Zimmer nicht klar, während ich meinen Eltern erzähle. Dass ich heim muss. Ich tigere in meinem Zimmer herum, mein Zimmer hier, das doch mittlerweile so viel mehr mein Zimmer ist als das in der Schweiz.
Ich fühle mich leer, als ich auflege. Gehe in die Küche. Erkläre den anderen mehr als nur das, was ich vorher gesagt habe. Der ganze Abend ist komisch. Wir kochen gemeinsam, essen, alles in einer Mischung aus motivierender Musik und Tränen und bemühtes Lachen.
Beim Essen holt Theo aus uns ein richtiges, herzliches Lachen heraus, während er die Ansage der Strassenbahn nachmacht. Seine Stimmungserleichterer werde ich vermissen.
Dann ruft irgendwann Susanna an. Nimmt uns die Hoffnung, dass wir wieder zurückkommen im Mai oder Juni. Sagt, dass wir lieber noch am selben Tag anfangen, zu packen. Dass wir nicht wissen, wann wir fliegen, aber eher früher als später. Eleana und Theo und ich reichen uns das Handy herum, die Person, die sich gerade am stärksten fühlt, übernimmt das Gespräch.
Danach das Gefühl der Ohnmacht.
Trauer.
Wut.
Enttäuschung.
Verzweiflung.
Und so viel Wut. Selten habe ich so viel Wut in mir gespürt.
Ich bin heillos überfordert. Meine ganzen nächsten 5 Monate haben sich in wenigen Minuten in nichts aufgelöst. Einfach weg. Meine Pläne, in Tabgha wandern zu gehen. Mit Liza Hebron und Ramallah zu entdecken. Meinen Geburtstag mit den Menschen zu feiern, die mir so wichtig geworden sind hier. Am Meer übernachten. In der Wüste wandern. In Tel Aviv in den Ausgang mit Ribhe. Jordanien bereisen mit den kuulsten Menschen im nahen Osten. Ich habe mich so sehr darauf gefreut, noch mehr zu lernen, noch mehr Tanzarten auszuprobieren im Studio 6.
Da war so viel.
War.
Nun werde ich die nächsten 5 Monate zuhause sitzen. In der Schweiz, wo die Situation so viel schlimmer ist wie hier, wo wahrscheinlich bald Ausgangssperre gilt.
Es ist gerade schwierig, das rein objektiv zu sehen. Trotzdem verstehe ich, dass es aus irgendeinem Blickwinkel Sinn macht, dass Deutschland alle Volontäre zurückholt. Weil vielleicht an einem Zeitpunkt keine Möglichkeit für ein Flug ist. Weil die Familien zusammen bleiben sollen. Weil wir jung sind. Weil so viele Arbeitskräfte wie möglich zurückgeholt werden. Es ergibt wohl schon irrgendwo einen Sinn. Verstehen kann ich es trotzdem nicht. Oder will nicht, was in diesem Moment dasselbe ist.
Menschen der Schweiz, versteht mich nicht falsch. Aber ich freue mich kein bisschen, nach Hause zu kommen. Ich verspüre keine Freude, euch wieder zu treffen. Nur Verzweiflung, und es schreit in mir. Ich habe mich darauf vorbereitet euch erst im August zu sehen. Die grünen Hügel erst im August zu sehen. Nein, es ist mir keinen Trost, dass ich mein Schweizer Leben vermisst habe.
Ich weiss, das ist nicht fair euch gegenüber. Aber ich kann nicht. Ich kann mich gerade nicht freuen.
Weil ich habe Angst. Angst, dass die Freundschaften von hier nicht halten. Es ist alles so abrupt, es ist nichts vorbereitet, ich konnte mich nicht verabschieden. Keiner meiner arabischen Freunde kann ich noch sehen, bevor ich fliege.
Ich habe den Flug gebucht. Vor ein paar Minuten. Fast alle Freiwillige, die mir am wichtigsten sind, fliegen alle zusammen nach Berlin. Ich fliege nach Basel. Es ist ein schlimmes Gefühl. Weil die Grenzen zu sind. Weil sie sich näher sind als ich ihnen. Weil ich doch den Support von ihnen bräuchte, kurz vor dem Flugzeug, darin, und dann bei der Ankunft. Weil sie mir Beistand leisten könnten. Aber den bräuchte ich, wenn ich, falls ich auf Berlin geflogen wäre, irgendwie über die Grenze gehen würde. Da ist viel zu viel unsicherheit darüber, wie ich nach Hause kommen würde. Das verkrafte ich nicht. Nicht noch mehr Chaos. Ich komme schon jetzt nicht klar.
Mir bleiben nur die Worte meiner Freunde, dass wir uns so schnell wie möglich wieder sehen. Dass wir füreinander da sind. Dass wir skypen werden. Versprechen, die jetzt überschäumen vor Bedeutung. Die sich aber auch schnell entleeren können.
Wenn ich da bin, werde ich mich freuen können. Und wenn nicht die Freude da sein wird, so werde ich dann doch eure Liebe spüren, wenn ihr mich umarmt. Ich spüre auch die Liebe in all den lieben Whatsapp Nachrichten, die ich gerade bekomme. Und die ich nicht beantworten werde, nicht beantworten kann, nicht, wenn ich noch hier bin. Auch dies ist vielleicht nicht fair, aber ich brauche meinen Fokus hier. Beim Packen, beim Verabschieden. Um irgendwie klarzukommen.
Gestern lag ich weinend in den Armen von Hilke und Eleana. Heute war ich vor allem betäubt. Jetzt wird die Situation langsam real. Morgen, weiss Gott, wie ich mich morgen beim Packen fühlen werde. Ich will nicht darüber nachdenken.
Aber eines steht fest. Sobald die Grenzen wieder auf ist, sobald die Situation sich verbessert, bin ich wieder hier. Sei es im Mai, im Juni oder August. Sei es im Winter oder Sommer in einem Jahr. Vielleicht ist es nicht gesund, all meine Hoffnungen da rein zu setzen. Aber ich kann nicht loslassen. Nicht jetzt. Ich kann keinen endgültigen Abschied in zwei Tage, einen Abend und einen Morgen quetschen. Es ist kein richtiger Abschied. Nur ein Auf Wiedersehen.