Der letzte Arbeitstag. Das offizielle Ende des Vakuums. Des Schutz-suchens in den Hügeln von Waldenburg. Jetzt geht es weiter.
Mit Deutschlandreise.
Mit Studium.
Mit Tanzausbildung.
Es geht weiter und weiter und weiter und ich habe schon lange nicht mehr gespürt, wie jung ich bin. Wie viel vor mir liegt. Wie viel Erwartungen in mir sind. Wie viele Ängste. Wie viel Freude.
Und ich möchte mich in meiner Decke vergraben und diesen Sommer nie verlassen. Nicht den August anbrechen lassen. Jeden weiteren Tag auf den Bauernhof gehen, mit der Bäuerin über Gott und die Welt reden, der Natur nahe sein. Dort sind die Probleme physisch, sie liegen klar erkenntlich vor mir und ich kann sie mit einem Rechen oder einem Spaten bearbeiten. Oder ich kann Sorgen in den Wind legen, weil ich den Regen und das Wachstum der Welt nicht beeinflussen kann.
Als ich im April auf dem Bauernhof angefangen habe, befand ich mich in einem wunderlichen Zustand. Ich wusste nicht, wie ich stehen sollte in dieser Schwebe. Ich war Zuhause, aber dann doch nicht, weil Zuhause mehr ist als nur mein Haus. Und weil das Konzept Familie, das ich vom letzten August noch gekannt habe, sich plötzlich verändert hat.
Die Arbeit auf dem Hof Wil gab mir einen Rahmen. Ich spürte meinen Körper und die Erde unter mir, erfuhr, wie Tag für Tag die Tiere sich mehr an mich gewöhnten. Langsam gab mir der Rahmen auch Luft, zu denken und ich begann, die Zeit in Jerusalem zu überdenken. Ich bemerkte erst, wie anstrengend das ständige Neue war, und wie viele Teile von mir Risse aufwiese. Sie legten den Blick auf ältere Narben und Verletzungen frei, die ich bisher nicht hatte anerkennen wollen. Ich habe mich fern von mir gefühlt, und langsam lernte ich mich besser kennen denn je. Und ich habe so viel gelernt! Einen Haushalt zu führen, auf mich alleine gestellt zu sein, und wie ein Lächeln und eine offene Einstellung viele Türen öffnet. Ich habe gespürt, wie der schmierige Reichtum des Wortes «Europa» an mir klebt. Habe Menschen verurteilt und wurde verurteilt.

Das Zurückkommen war eine ruhige, besinnliche Zeit. Mit vielen kleinen Gefühlsausbrüchen und langen Zeiten des gar-nichts-fühlens. Und des denkens. War beschützt in meinem Zimmer, beschützt in den Hügeln beim Bauernhof, weit weg von der grossen Welt.
Bis Ende Juni. Ich traf mich immer mehr mit Freunden hier, hatte weniger Kontakt zu den Volontären aus Jerusalem. Liess meine Gefühle Oberhand gewinnen, liess mich treiben in einem kleinen Fluss, der langsam aber sicher aus dem angenehmen, geschützten Tal führt. Und nun habe ich meinen letzten Rahmen aus der Vakuumzeit verloren.
Nun muss ich mich wirklich mit dem Studienplan auseinandersetzen. Mit meiner geplanten Reise nach Deutschland und dem moralischen Kampf in mir. Ich muss mir überlegen, wie ich mein Leben führen will, so überplant wie vor Jerusalem, so gelassen wie in Jerusalem? Und ich muss mich verabschieden von einer wichtigen Person, die in Den Haag studieren wird. Manchmal vergesse ich, dass das Leben meiner Freund*innen auch weitergeht.
Die Welt dreht sich. Und zwar verdammt schnell.

Jetzt, mehr als eine Woche später überlege ich mir, ob ich den Beitrag so lassen soll. Weil er stimmt in sich, und doch geht etwas wichtiges im Text verloren. Dass ich glücklich bin. Verdammt glücklich. Es gab in den letzten Tagen Momente, in denen mir schwindelig wurde vor Glück. In denen mir mein Bauch schmerzte vor Lachen. Und ich habe getanzt, so viel!
Das Baby-Kätzchen meines kleinen Bruders schläft neben mir, sein Kopf auf meinem Bein, vor mir der ungepackte Rucksack, der mich übermorgen nach Deutschland begleitet. Ich habe vertrauen in die Zukunft, dass sie so wird, wie sie werden soll.

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