Mit klopfendem Herzen trat ich das erste Mal in den Tanzraum vom Studio 6 in Jerusalem. Fragt Ceyda, die kann das bezeugen. Auf dem Weg zum Studio hab ich sie angerufen, weil ich einfach viel zu nervös war. Danke, btw. So viele Gedanken waren in meinem Kopf. Wie werden die Leute sein? Wieviel verstehe ich von dem Unterricht auf hebräisch? Wie ist das Tanzlevel? Bin ich zu schlecht, durchschnitt, oder ist das Level für mich sogar zu tief? Was für Ballett wird unterrichtet? Das klassiche, russische, das ich gewohnt bin?
All diese Fragen liessen mich die Luft anhalten. Bis ich die Wand sah, und die Schwarze Worte las. Es ist mein Lieblingszitat was tanzen angeht, und ich erkannte es natürlich sofort. Das wohlbekannte Zitat von Martha Graham.

Ein Tanzstudio mit so einem Zitat, mit dieser Einstellung, das kann nicht schlecht sein. Und ist es auch nicht.
Meine erste Stunde war Contemporary Ballet. Bei Ilan Kav. Er betritt den Raum, und du weisst bereits, er ist Tänzer. Sein Körper ist so geschmeidig wie eine Raubkatze, seine Haare stylisch weiss gefärbt, seine lockeren Kleider zeugen von seiner Sicherheit. Er braucht keine engen Kleider, um seinen Körper zu präsenieren. Seine alleinige Präsenz macht das für ihn. In einem späteren Gespräch kam raus, dass er einige Jahre beim Ballett in Bern getanzt hat. Er meinte, er hege eine Hass-Liebe zur Schweiz, und dass ich das sicher auch bald zu Israel entwickeln würde. Mal sehen…
Der Unterricht war wie heimkommen. Klar, Contemporary Ballett ist nicht ganz wie das Ballett, das ich bei Marina tanze. Aber die Pliès sind an und für sich dieselben, die Fingerhaltung, das Ausdrehen der Füsse. Alles bekannt, alles verinnerlicht, alles so schön, wieder auszuführen. Es war sogar schön, zu sehen, dass meine Fehler meine Fehler bleiben. Auch wenn ich Zuhause immer wieder die Korrekturen höre, ist es doch nochmal ein anderes Gefühl, in einem anderen Land, von einem anderen Lehrer auf dieselben Fehler hingewiesen zu werden. Auf eine andere Art. Und doch dieselbe. Aaaah, so schwer zu beschreiben.
Die Sprache ist sowas von egal. Ich erwähnte bei allen Lehrerinnen und Lehrern, dass ich kein Hebräisch verstehe. Der Unterricht war dann ein Mischmasch aus Englisch und Hebräisch, wobei der Hebräische Teil erheblich grösser ist. Aber das ist echt überhaupt kein Problem. Die wichtigen Wörter sind auf französisch, wie fondue, tendue, passé, pirouette, arabesque. Und die Lehrer machen alles vor. Auch wenn sie eine Korrektur erklären, dann ist es ein einfaches, zu verstehen, was sie meinen. Die Wichtigste Sprache im Tanz ist die Körpersprache. Das Grundvokabular der Körpersprache im Tanz habe ich unbewusst verinnerlicht, und es ist überwältigend, das so zu erfahren. Ich wusste nicht, wie viel die Art, etwas zu erzählen, ausmacht. Naja, wusste schon, aber nie so erfahren.
Ich gehe hier regelmässig ins Contemporary Ballet, ins Lyrical Jazz, und ins klassiche Ballett. Letzteres entspricht zwar nicht ganz meinem Niveau, aber es tut trotzdem so gut, ins klassische zurückzukommen. In die Art des Tanzens, wo ich seit 15 Jahren heimisch bin. Ausserdem kann ich mich so besser auf die Körperhaltung und alles konzentrieren, wenn die Übungen nicht ganz so komplex sind. Ich möchte nicht die klassische Art vomo Ballett verlieren.
Es ist im Allgemeinen spannend zu sehen, wie andere Lehrer unterrichten. Auf was sie den Schwerpunkt setzen. Was für Musik sie verwenden, wie sie die Übungen ansagen, in welcher Reihenfolge die bekannten Übungen kommen. Das Unbekannte in einem so bekannten Ramen, das fasziniert mich immer wieder. Wie etwas so fremd und vertraut gleichzeitig sein kann.
Mit meinem Abo, das etwa 100 Franken im Monat kostet, kann ich in jede Stunde gehen, in die ich möchte. So würde ich gerne mal ins Modern Dance, für das Israel so bekannt ist, oder auch wieder mal ins HipHop. Oder Yoga. Oder Bauchtanz. Aber hier kommt wieder mal die Zeit in den Weg. Oder eher der Umstand, dass es hier so viel zu erleben, so viel zu entdecken gibt. Aber ich hab ja auch noch ein Jahr Zeit, um alles auszuprobieren.
Zum Schluss von diesem Eintrag möchte ich mich bedanken. Bei all den Tanzlehrern und Tanzlehrerinnen, von denen ich lernen durfte. Allen voran Marina und Vivian. Erst hier wird mir klar, wie viel ich gelernt habe. «Viel» würde ich dreitausend mal unterstrichen, könnte ich das hier machen. Tanzen ist universell, wenn man den Basis-Wortschatz drauf hat. Und ich hab so viel mehr gelernt als nur Basics. Die Knochenarbeit im Ballett bei Marina hat sich gelohnt, und ich bin stolz darauf, dass ich in Sachen Pirouette drehen, Sprünge und tänzerischen Kombinationen zu den Besseren gehöre. Auch beim Jazz bin ich nicht eine der Schlechtesten. Den vielen Einsatz im Studio gibt mir Sicherheit in neuen Tanzstilen, hat mir geholfen, meinen eigenen Tanz zu entwickeln. Meine eigenen Bewegungen. Hat mir geholfen, meine Stimme im Tanz zu finden. Meine Art, mich auszudrücken. Und ein schnelles Pick-Up. Das hab ich auch Vivian zu verdanken.
Kuul. Jetzt habe ich Lust zu tanzen. Nur sind die nächsten zwei Wochen im Studio 6 Ferien, weil wichtige Jüdische Feiertage (Neujahr, Yom Kippur, Laubhüttenfest). Aber als ob mich das vom Tanzen abhalten würde.

PS: auf der Insta-Seite vom Studio 6 bin ich sogar auf einem Video drauf!:) hier ist der link: Studio6JLMinsta
(Tipp: ich bin ganz hinten mit dem hellen, lockeren Oberteil und mit den kurzen haaren 😉 )

Uuuund hier noch weitere Bilder vom Studio:

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