„Der Abschied ist die Geburt der Erinnerung.“
Wunderschön geformte Worte des Künstlers Salvador Dali. Der Abschied färbt sich darin leicht rosa und orange, so wie ein Sonnenuntergang. Der Tag verabschiedet sich, die Sterne leuchten aber weiter und erinnern an das Licht.
Nun sind Sterne aber nicht ganz mit Erinnerungen gleichzusetzen. Denn Erinnerungen verblassen, während Sterne weiterleuchten, sogar, nachdem sie gestorben sind. Diese etwas kitschigen Worte wischen alles negative an einem Abschied weg. All den Schmerz, all die Unsicherheit, all die Angst.
Den Schmerz, jemanden den eigenen Weg gehen zu lassen müssen, den wir eigentlich auf dem eigenen Weg weiterhin gerne als Gspänli gehabt hätten.
Die Unsicherheit, ob sich die Wege denn trotz dem Abschied kreuzen werden. Und, wenn sie sich dann kreuzen, ob man sich total in die andere Richtung entwickelt hat. Wie AJR es in ihren Liedern Turning out und Turning out pt.ii vertonen.
Die Angst davor, dass alles sich ändert. Dass nichts mehr gleich ist, wenn man sich wieder sieht. Was eh eintreten wird. Aber schon so bald? Und so, dass man sich nicht mehr kennt? Sich nicht mehr nähern kann?
Ich bin gespannt darauf, wie ich mich verhalte ohne meinen sicheren Pol an Freunden um mich herum, die mich stärken und mir Mut machen. Ohne meine Familie, die mir immer und überall Halt zu geben vermag. Ohne die Konstruktion von Leben, Zeit, Sprache, so wie ich es kenne.
So, werden wir mal konkret.
Mein Abschiedsfest gestern. So ziemlich, wie ich es mir erhofft habe. Viele sind gekommen, sind gegangen. Ich war voller Energie, geliehen von all den tollen Menschen um mich herum. Mal habe ich mit jenen geredet, mal mit den andern. Viele Photos sind entstanden, Die Seiten meines Notizbuches haben sich gefüllt mit Worten anderer Menschen. Ich freue mich jetzt schon auf den Moment, wo ich die Texte lesen kann. Zurückhaltung ist gefragt! Am liebsten würde ich mich gleich in mein Bett einkuscheln mit einem Tee und dem Notizbuch und mich mit einer warmen Wörterdusche von der Welt verabschieden. Aber nein. Das ist für ein andermal. Vielleicht für den Moment, wenn ich im Flugzeug sitze, die Schweiz am Boden immer kleiner wird und sich immer weiter entfernt. Vielleicht auch für einen Portion Mut, wenn ich am Flughafen alleine warten muss, 2 Stunden, in einer fremden Welt, mit einer fremden Sprache und fremden Schriftzeichen. Oder wenn ich den ersten Arbeitstag habe. Oder wenn ich Weihnachten nicht Zuhause verbringen kann. Wenn ich meine Sprache vermisse, mein Schweizerdeutsch. Ich weiss, dass einige den Text extra auf Mundart verfasst haben. Danke schonmal dafür! Vielleicht auch einfach, wenn ich meine Freunde um 3 Uhr nachts gerne bei mir hätte. Es war so beruhigend und gleichzeitig aufregend, alle diese so bekannten und geliebten Gesichter zu sehen. Alle beisammen, ums Feuer, auf dem Boden um die Musik, wild herumtanzend.
Und irgendwann hat mich die Traurigkeit übermannt. Sah ich all die schönen Persönlichkeiten. Warum gehe ich nochmal? Warum gehe ich weg, wo ich es doch hier so gut habe, wo es mir an nichts fehlt. Ich liebe meine Heimat, keine Frage.
Abschied nehme ich auch von der Landschaft. Das war mir nicht bewusst, dass es schwierig wird, sich von den Hügeln zu trennen, in denen ich aufgewachsen bin. Heute morgen früh auf der Belchenflue, die aufgehende Sonne habe ich in mein Herzen aufgenommen, zusammen mit all den anderen Sonnenaufgänge die ich hier erleben durfte. Hier, wo ich ans Auenland denke. Wo ich noch immer den Kaffeegeruch in der Nase rieche von diesem einen Mal am längsten Tag des Jahres. Wo ich die Berge vor mir habe, wo ich auf bekannte Dörfer sehe. Oder von der Ruine in Waldenburg, Melancholie brach über mich zusammen wie ein unerwarteter Tsunami. Die grünen Hügel werden mir fehlen. Auch von dem Ballettraum, in dem ich seit bald 15 Jahren Ballett tanze, habe ich mich verabschiedet. Von dem Studio, in dem ich gelernt habe, wie ich Kinder Jazz unterrichte.
Von meinem Zimmer, vom Haus, von unserem Garten mit den bimmelnden Schafen davor. Davon habe ich mich noch nicht verabschiedet. Weiss ich auch nicht wie. Muss ich mich davon verabschieden? Der Wilweg 6 ist so tief in meinem Herzen verankert.
Abschied ist nicht einfach. Es bahnt sich langsam zusammen, das hilflose Gefühl, all das Bekannte bald nicht mehr täglich zu sehen. Und plötzlich bemerke ich, wie schön die Landschaft hier ist, wie sehr ich mein Freunde liebe.
Abschied ist wichtig, um eine neue Tür zu öffnen. Ich schliesse die Tür zu Schweiz nicht ganz zu, schliesse nicht ab. Ich lehne sie leicht an, sodass hie und da Leute die Türe öffnen können, um durch die nach Jerusalem huschen zu können. Ich lasse die beiden Fenster offen, lasse Tauben mit Nachrichten fliegen. Und bin doch mit beiden Beinen in meinem neuen Raum, mit neuen, spannenden, schönen Menschen und Landschaften.
Liebe Yael Papa hat mir die Adresse von deiner Seite gegeben und ich bin ihm dankbar dafür. Ich erinnere mich an unser Gespräch im Zug… Es hat bei mir etwas ausgelöst: meine Heimat, wo ist sie, wurde sie mir weggenommen, was passiert, wenn ich dort zum ersten Mal bin? Gleichzeitig habe ich gestaunt, wie offen und unorthodox deine Gedanken sind! Die Zeit ist vergangen und du darfst diese wunderbare Erfahrung machen (hier aber auf dem Wilweg 6 fehlt dein sonniges Lachen). Beim Lesen deiner farbigen Erlebnisse sind mir diese Worte in den Sinn gekommen (nicht meine;-) : „Was vor uns… Read more »