Eine Kurzgeschichte, vor 2 Jahren verfasst

“Ein stinknormaler Montag”, dachte Rodion seufzend, als er den Bahnhof betrat. Dabei hatte er sich zu Geburtstag doch so gewünscht, in seinem Leben passiere endlich mal etwas Spannendes. Der kleine Junge liess sich lustlos auf eine Bank plumpsen. Noch 10 Minuten. Wie gewöhnlich beobachtete er die Leute um sich herum. Irgendwann hatte er damit angefangen und mittlerweile war das Beobachten zu seinem Hobby geworden. Er hatte sogar ein gewisses Level an Professionalität erreicht, wie er gerne behauptet. Voller Stolz holte er seine Sonnenbrille hervor und setzte sie auf. Sogleich kam er sich ein wenig mysteriöser vor, ein bisschen wie ein Agent.
Diese strenge Frau einige Meter neben ihm, die mit dem schrecklichen Rock, war sie vielleicht eine Ausgesandte der Aliens? Ihre Art, stockstill da zu stehen, war ein wenig suspekt, dachte Rodion. Überrascht von seinem guten Argument richtete er seinen Oberkörper auf und fühlte sich ein wenig wichtiger als zuvor. Er knöpfte sich den Mann mit grauem Haar vor, der sehr nah an dem Gleis stand. Hektisch blickte er sich nach allen Seiten um, immer wieder, als sei er auf der Suche. Verfolgte ihn etwa jemand? Vielleicht konnte Rodion ihm ja helfen? Er war schon drauf und dran, aufzustehen und dem Mann HIlfe anzubieten. Nun hatte ihm aber seine Mutter eingeschärft, ja keinen Fremden anzusprechen, egal wie nett er wirkte. Und antworten durfte er auch keinem. Manchmal war Mama eine gemeine Spielverderberin. Er biss sich auf die Lippe, so wie er es immer tat, wenn sich selbst zurückhielt. Er wusste, er sollte seiner Mutter gehorchen.
Schon bald aber vergass er seinen Ärger auf sie, denn der Mann hatte mit dem Gezappel aufgehört. Seine Augen stierten jetzt gerade aus, die Hände ineinander verschlungen.  Gebannt schaute Rodion zu, wie sich die rechte Hand löste, in den Hosensack griff und ein schwarzes, viereckiges Ding herausholte. Natürlich erkannte er es auf Anhieb: Es war so ein Handy, wie er es sich schon lange wünschte – etwas, was ihm an seinem Geburtstag auch nicht erfüllt worden war. “Konzentration”, mahnte Rodion sich selbst und liess seine Wünsche unerfüllte Wünsche sein. Der Mann drückte auf dem schwarzen Kasten herum, die Augen zugekniffen.
Ein Zug raste vorbei, der Fahrtwind zerzauste des Mannes schütteren Haar und eine Sekunde später spürte Rodion den gleichen, stinkenden Wind an seinen Haaren und Kleider zerren. Rasch richtete er die Frisur, zupfte an den Kleidern, und als er wieder aufschaute, hatte der Mann einen weissen Briefumschlag in den Händen. Das Handy klemmte in seinen Achseln. Langsam drehte er den Kopf, bis er direkt in Rodions Gesicht blickte. Kalte, blaue Augen starrten geradewegs in die warmen, braunen des kleinen Jungen. Ein kurzes Lächeln zuckte über das faltige Gesicht. Bevor Rodion sich klar war, was da eigentlich geschah, war der Mann schon auf ihn zugekommen, er setzte sich zu ihm. War Rodions Wunsch doch noch erhört worden?
“Hallo”, gab er piepsig von sich. Er räusperte sich, und versuchte es nochmals: “Hallo.” Besser. Er wollte seine Angst nicht zu zeigen doch verrieten ihn seine aufgerissenen Augen hinterhältig. Wieder lächelte der Mann. Seine hinaufgezogenen Mundwinkel boten zusammen mit den wehmütigen Augen einen traurigen Ausdruck.
“Tut mir Leid.”
Pause. Der Junge und der Alte blickten sich stumm in die Augen. Rodion bemerkte den fast weissen Rand um die Pupille des Alten. Die blauen Augen waren seltsam feucht.
“Tut mir Leid.”
“Das sagten Sie bereits”, bemerkte Rodion, wobei er sich heldenhaft kühn vorkam.
Der Mann schüttelte den Kopf. Er hob die Hand langsam, strich in Zeitlupe über Rodions Haar, Wange, auf der Schulter blieb die Hand liegen. Schwer und Warm. Wieder ergab sich ein Moment des Starrens, bis Rodion aus einem plötzlichen Impuls wegzuckte. Er schüttelte die schrumpelige Hand ab und brachte Abstand zwischen sich und den sonderbaren Alten.
“Wer sind Sie?” Die Angst hatte sich schlussendlich doch in seine Stimme geschlichen. Er entschied, dass mutig sein sehr schwierig war. Der Alte liess sich aber nicht beirren und verringerte den Abstand wieder. Er legte das Handy und den Umschlag in den Schoss des Jungen.
“Tut mir Leid”, entschuldigte er sich ein letztes Mal und tatsächlich entwischte den gefrorenen Augen eine einsame Träne. Sie suchte sich den Weg über die vielen Falten, bis sie ungeduldig weggewischt wurde. Und bevor der Junge noch irgendetwas tun oder sagen, oder gar einen halbwegs sinnvollen Gedanken fassen konnte, stand der Mann am Gleis, zu nahe, viel zu nahe, Mutter hätte einen Schreikrampf bekommen. Er wollte den Mann warnen, ihm zurufen, er solle aufpassen, doch er tat es nicht.
Dann kam der Zug.
Bremsen und Menschen kreischten.
Männer kamen angerannt.
Alles war rot.
Niemand achtete auf den kleinen Jungen auf der Bank, zwei ganz normale, und doch spezielle Gegenstände in den Händen. Erstarrt und verständnislos. Den Blick auf den Fleck gerichtet, wo bis eben noch der Mann gestanden hatte.
Ein weisser Umschlag segelte zu Boden.
Alles war rot.

“Rodion, was machst du jetzt schon hier?”
Sofort erkannte er die besorgte Stimme seiner Mutter. Schon sehnsüchtig hatte er auf sie gewartet, mit diesem Polizeibeamten, schweigend. Und jetzt, da sie da war, besorgt auf die beiden Gestalten auf der Treppe vor dem Haus zu eilend, wünschte er sich das Warten zurück.  Dort hatte er sich noch einreden könnte, seine Fantasie hätte nur seinen Verstand übernommen.
“Lasst uns reingehen”, meinte der Polizist. Seine Mutter schluckte.
“Okay”, sagte sie, doch ihre Stimme brach. Rodion erkannte, dass sie versuchte, mutig zu sein, so wie er heute Morgen. Aber, genau wie er, versagte sie. Erleichterung machte sich in ihm breit und er fühlte sich um Einiges leichter. Denn wenn seine Mutter nicht immer mutig sein konnte, dann durfte auch er Angst haben und den Mut verlieren. Seine Schuldgefühle liessen seinem Herzen mehr Platz, auch wenn nur gerade genug, um sich ein wenig zu entspannen.
Drinnen bekam er eine heisse Schokolade und wurde dann ohne viel weitere Worte aufs Zimmers geschickt. Dort setzte er sich aufs Bett und nippte an seinem Lieblingsgebräu, während er sich der Bilderflut ergab, die über ihm einstürzte. Der Mann, der Zug, immer und immer wieder, das Handy, der Brief, all das Blut…
Das Handy und der Brief! Sorgfältig darauf bedacht, nichts zu vergiessen, stellte er die Schokolade auf den Boden und sobald er die beiden Gegenstände des Mannes aus der Hosentasche befreit hatte, war sie auch schon vergessen.
Zuerst inspizierte er das für ihn spannendere Objekt – das Handy. Aber es reagierte auf keinen der Tasten die er drückte und schlussendlich musste er einsehen, dass es nicht mehr funktionierten. Enttäuschte legte er es beiseite, wandte sich nun aber mit wachsender Neugier dem Brief zu. Lesen war noch nie seine Stärke gewesen, und so war es kein Leichtes, die hingekrakelten Buchstaben zu entziffern. Aber er gab nicht auf, und bald offenbarte sich ihm das Wort: RODION.
Die Tür wurde aufgerissen, seine Mutter und der Polizist kamen herein. Mutter nahm Rodion in die Arme, drückte ihn fest, strich durch seine HAare, murmelte beruhigende Worte. Da wusste Rodion, dass das nicht seine Fantasie gewesen war.  Der Mann war echt. Gewesen.
In dem Moment sah der Polizist den Brief am Boden, nahm in an sich und meinte, er müsse diesen als Beweismaterial mitnehmen.
“Aber da steht mein Namen drauf”, protestierte Rodion, beschützt hinter Mutters Körper.
“Du bekommst ihn in einigen Tagen wieder.”
Dies waren die letzten Worte des Mannes, bevor er beinahe fluchtartig das Haus verliess.
Einige Tage später, als Rodion sich bei seiner Mutter nach dem Breif erkundigte, liess diese doch prompt ein Glas, das sie gerade abgetrocknet hatte, auf den Boden fallen. Stotternd erklärte sie ihrem Kind, er würde den Brief mit 18 Jahren erhalten, wenn er genug alt war, um alles zu verstehen. “Und nun keine Fragen mehr. Vergiss den Brief.”
Ihr Ton war sehr bestimmt, nahezu beängstigend, sodass Rodion ohne einen weiteren Mucks in sein Zimmer verschwand. Dort holte er, wie so oft, das Handy aus der Nische unter seinem Bett hervor. Er gab jede erdenklich Tastenkombination ein, in der Hoffnung, er habe die richtige nur noch nicht entdeckt. Bei der Sache war er aber nicht, in seinen Gedanken rechnete er schon. 8 ganze Jahre. Sie wirkten wie eine unglaubliche Unendlichkeit.

Und dann war der Tag endlich da.
Ein Friedhof. Klischeehafter Nebel haftete am Boden, gab der Landschaft eine gruselige Wirkung. Aber das beeindruckte Rodion nicht. Er kannte sich gut genug aus, wusste, wie viele Schritte er bis zum ersehnten Stein brauche. Da war er. Seine Schritte waren mit jedem Meter langsamer und schwerer geworden. Vor dem altbekannten Grabstein fiel er auf die Knie. Er vergrub sein Gesicht in den Händen. S o verharrte er. Immer wieder bebte seine zusammengekrümmte Gestalt unter Schluchzern. Bis er sich selbst nicht mehr aushielt, bis er sich fürchtete, in all dem Schmerz verloren zu gehen. Er suchte mit seiner Hand Halt am Stein, fuhr über die rauen Kanten, die Inschrift..
“Mama”, flüsterte Rodion, kaum hörbar.
“Mama, was soll ich tun. Heute bin ich 18, mein Leben ist meins. Wie soll ich denn damit umgehen, mit meinem Leben? Mein Leben ist nicht lebenswert. Ich will diese Verantwortung nicht. Mama, mir ist so kalt. Du hast mal gesagt, die Menschen, die man liebt, die trägt man immer mit sich rum. Mir ist so kalt. Ich weiss nicht, ob du noch bei mir bist. Die anderen, sie spüren diese Kälte in mir. Sie halten sich fern von mir. Mama, lass mich nicht allein.”
Neue Schluchzer unterbrachen sein Flüstern. Doch er wollte sich zusammenreissen. Und öffnete die Augen.
Erst da bemerkte er, dass etwas anders war als sonst. Er war der einzige, der sich um das Grab seiner Mutter kümmerte, doch heute lagen neue Blumen da. Und ein weisser Umschlag. Er nahm ihn in die Hand, las die krakelige Schrift, und erstarrte. Bilder, Erinnerungen kehrten zurück, die er längst vergessen hatte. Der Mann, all das Blut, das Handy, der Brief, der Zug. Mutter.
Das Handy!
Er hatte es seit Mutters Tod immer bei sich getragen, von kindlichen Aberglaube geleitet, Mutter könne ihn vom Himmel aus anrufen. Es war zu einer Gewohnheit geworden und so hatte er es auch an seinem 18. Geburtstag in seiner Hosentasche. Durch die Tragödie mit seiner Mutter hatte er verdrängt, wie er überhaupt zu diesem alten Modell gelangt war, aber jetzt war alles wieder da. Zwar verschwommen, aber dennoch da. Mit neuen Augen nahm er es wahr, als er es in der Hand drehte und wendete, legte es dann neben den Brief. Dieser wirkte unberührt, so weiss wie er war, nur der eine Falt in der Mitte störte das unschuldige Bild. Dort hatte Rodion ihn damals gefaltet, um ihn in die Hosentasche zu stopfen, nachdem er den Brief hastig vom Boden aufgelesen hatte. Müsste der Brief nicht irgendwelche Spuren der vergangenen Jahren tragen? Die schnörkelige Schrift, mit schwarzer Tinte auf den Umschlag aufgetragen, schrieb noch immer dasselbe Wort. Rodion. Seinen Namen. Er streckte zägernd die Finger nach dem viel zu weissen Papier aus, hob ihn in die Luft. Der Brief an sich war leicht, doch war der Umschlag nicht nur mit Worten gefüllt: Angst, Unsicherheit, Aufregung, Trauer vervielfachten das Gewicht immens, sodass es Rodion fast unmöglich schien, den Brief an sich zu halten, geschweige denn, zu öffnen. Er zweifelte an seiner eigenen Kraft, die von der Kälte in ihm beeinflusst war.
Der Blick auf Mutters Grab gab ihm einen Ruck , und er schob die Finger unter die Lasche. Er öffnete den Umschlag.
Zitternd las er den Brief. Ein, zwei, drei mal. Dann zerriss er ihn, nahm das Handy und stand auf. Ein letzter Blick auf den grauen, unförmigen Grabstein. Er wünschte, er hätte seine Mutter besser ehren können.
“Tut mir Leid, Mama. Ich habe meinen Mut nicht wiedergefunden.”

Am nächsten Tag las man von einem Jungen, der vor einen Zug gesprungen war und dabei umkam. Einige Worte wurden an sein schweres Schicksal gespendet. Seine Mutter kam bei einem Terroranschlag ums Leben, er kam mit 12 ins Kinderheim. Am Tage seiner Beerdigung fand sich niemand ein, nur ein alter Mann mit erstarrten, blauen Augen, die um die Pupille schon fast weiss waren. Als er sich unbeobachtet glaubte, legte er drei Blumen auf das Grab: Eine weisse Chrysantheme, eine rosarote Spinnenlilie, und, das wohl sonderbarste, eine Lotosblüte. Zwischen den Blumen lag ein altes Handy.
Der Alte verliess das Grab mit den Worten: “Ich habe es versucht, bin aber gescheitert. Es tut mir Leid, mein Sohn.”

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