Ich sitze in meinem Zimmer, durch die Lampe ist es in gelbes Licht getaucht. Es ist hell, schlicht, klein. Und es gefällt mir unglaublich gut. Die dumpfen Klänge von Childish Gambinos „Redbone“ vermischen sich mit dem Lärm der Stadt, Fenster und Türe stehen offen. Ein Kind schreit, Autos zeigen, was ihre Motore so drauf haben, Sirenen kreischen immer wieder auf. So ungewohnt für mich, einem Landmensch.
Oh, und in diesem Moment fängt der Muezzin mit seinem Ruf an. Oder der arabische Jodlerklub beginnt mit seinen täglichen Übungen, wie Noah so schön beschreibt. Ich schalte die Musik aus, das sind mir zu viele Klänge mit dem schreienden Kind zusammen. Und ich höre zu. Mir gefällt der Ruf des Muezzins, diese Vorstellung, dass er Menschen eine feste Struktur gibt. Ich stelle mir vor, wie es wäre, bei so einem Ruf alles stehen und liegen zu lassen und sich in einen täglichen, gewohnten Rhythmus zu begeben. Kurz darauf setzen die Kirchenglocken ein. Auch sie rufen zum Gebet, schliesslich ist es Sonntag. Sie sind heller, viel gewohnter, etwas dünner. Heimat.
Wow, ich höre beide Aufforderungen zum Gebet zum ersten Mal gleichzeitig, während ich hier schreibe.
Und der Moment der Religionen ist vorbei, es ertönen wieder Sirenen, Hupen. Ich schalte die Musik nicht wieder ein.
So. Der Anfang ist gemacht. Wie weiter? Ich weiss nicht, wie ich diese Fülle an Erlebnissen niederschreiben möchte. Ich weiss nicht, was ich überhaupt erzählen möchte. Was ist mir überhaupt zu persönlich? Was interessiert euch? Es ist so viel! Und alles so überbordernd. So viel stärker. Die Gerüche, die Aussichten, die Lautstärke. So viele Eindrücke! Obwohl ich schonmal hier wahr. Ich nehme alles anders wahr, kann immer noch nicht glauben, dass ich hier ein Jahr lang leben soll. Das ist doch alles nur ein Traum! Tatsächlich habe ich in den letzten Nächten einmal geträumt, dass ich schon Zuhause sei, und das ganze Jahr um. Mit einem riesen Schreck bin ich aufgewacht.
Morgen beginnt mein Freiwilligendienst erst richtig. Morgen beginnt die Schule. Um 7:30 soll ich bereit sein. Aufgeregt bin ich nicht. Noch nicht. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich gerade einen Mordshunger verspüre. Die letzten Tage haben wir von Pita-Brot mit Hummus und Nudeln gelebt. Mal sehen, was wir heute so auf den Tisch zaubern werden. In unserer Küche steht ein arabisches Kochbuch, aus dem ich sicher Sachen ausprobieren werde. Irgendwann. Wenn ich nicht mehr damit beschäftigt bin, dass alles hier so anders und neu ist. So neu wie die Ikeamöbel in meinem Zimmer, aber um jahrtausende älter.
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Ich wurde unterbrochen: Eleana und ich haben Essen gekocht. Ich habe Reisreste mit Ketchup gegessen, sie Reisnudeln mit irgendeiner Brühe. Ja, unsere Kochkünste haben echt noch Luft nach oben. Das Ding ist, wir sind einfach noch nicht dazu gekommen, richtig einzukaufen! Es war so viel los, dass ich auch eigentlich noch gar nicht richtig in der Altstadt von Jerusalem war. Lasst es mich beschreiben.
Der 14.8. Ich steige mit Johanna, einer anderen Freiwilligen, um sechs Uhr morgens ins Flugzeug, ohne eine einzige Minute geschlafen zu haben. Es gab so viel zum Aufräumen in meinem alten Zimmer, so viel zu packen, zu entscheiden, ob das hier bleiben soll oder nicht. Um 3 Uhr habe ich mir 15 Minuten genommen, mich in mein Bett zu legen und mich zu verabschieden. Ich hab die Decke angestarrt, die hingeklebten Sterne. Habe es genossen, drei Decken als Kissen zu verwenden (die vermisse ich gerade wirklich. Das Kissen hier ist schrecklich, ich brauche unbedingt ein anderes). Kaum sitze ich auf meinem Platz, kaum fliegt das Flugzeug, fallen meine Augen auch schon zu. Ich will eigentlich noch sehen, wie die Schweiz unter mir immer kleiner wird, aber das schaffe ich nicht mehr. Vier Stunden später landen wir in Tel Aviv. Ich bin viel zu müde um irgendeine Aufregung zu spüren. Erstmal müssn wir das Visum bekommen. Was auch dauert. Ohne Gepäck warten wir 90 Minuten, bis der Haufen an Leuten immer kleiner wird, bis uns schliesslich erklärt wird, dass da ein Problem im System ist und wir nur das Touri-Visum bekommen. Unser Volontärs-Visum müssen wir in Jerusalem bei den Behörden oder so abholen. Nun ist auch Eleana gelandet, mit der ich weiter nach Jerusalem reise. Ein israelischer Freund ihrer Familie ist Taxifahrer, der holt uns ab, während Johanna den Zug nimmt. Die Koffer sind verstaut, wir sitzen auf der Rückbank, und ich bin froh, das Land schonmal gesehen zu haben. So kann ich schlafen ohne schlechtes Gewissen, und wache erst in Jerusalem auf.
Eleana und ich warten nun auf Theo, Hilke und Noah. Ersterer wird mit Eleana und mir in der WG leben, Hilke und Noah wohnen auf dem Compound. Der Compound besteht aus der Schmidt-Schule, der Schmidt-WG, dem Beit Noemie und dem Paulus-Haus. Das Beit Noemie ist wie eine Jugendherberge für die Freiwilligen, die nicht in Jerusalem wohnen, aber mal ein Wochenende hier übernachten wollen. Das Paulus-Haus ist eine Pilgerherberge, hier arbeiten Noah und Hilke. Wenn man aus dem Damaskustor kommt, ist es das markanteste Gebäude in der Strasse. Und es hat eine atemberaubende Dachterrasse. Die haben Eleana, Justus und ich auch gleich erkundet. Justus hat sich zu uns gesellt, da er momentan alleine in Bethlehem lebt. Er ist schon seit dem 6.8. im Lande, also schon fast ein Local. Seine WG-Mitbewohner werden in nächster Zeit auch noch einreisen. Zurück zur Paulus-Terasse. Man überblickt von dort aus die Altstadt und grosse Teile Jerusalems. Es ist einfach atemberaubend. Das „Nicht Klettern“ Schild haben wir natürlich nicht gesehen, als wir auf den Steinen rumgekraxelt sind, und es war uns auch an folgenden Tagen ziemlich egal, bis die ehemalige Volontärin Luca meinte, dass die Soldat*innen auf uns schiessen könnten. Mal sehen wie wir uns das nächste Mal verhalten… Den Abend nehmen wir uns fürs Zimmereinräumen. Obwohl ich an meinem Ankunftstag noch nicht aus dem Compound raus gewesen bin, fühle ich mich überfüllt von all den Eindrücken und bin froh, etwas Zeit für mich zu haben.
Seit dann ist vieles passiert. Wir waren an Maria Himmelfahrt in der Dormitio Abtei, auch eine Stelle für Freiwillige, in einem Gottesdienst. Es war meiner Meinung nach ein ziemlich unpersönlicher Gottesdienst. Ich kannte keins der Lieder, die Mönche redeten oft in Sprechgesängen. Ganz anders als Zuhause. Ich habe mich in meinem Katholischsein fremd gefühlt. Wir haben eingekauft, Simkarten besorgt (100 gb für 8 Euro im Monat!!!). Wir haben die Küche umgeräumt, die Waschmaschine analysiert, nicht vergessen, dass man am Freitag nur bis etwa 16 Uhr einkaufen kann. Wir waren an einem Bierfest in der Nähe von Bethlehem, wo arabische Indie-Bands auftraten. So ein toller Abend, voller Tanzen, angetanzwerden und etwas ungelenk ausweichen, lachen, mörderische Taxifahrt und Übernachtung in Bethlehem inklusive. Ich habe Pflanzen notfallmässig über den Checkpoint genommen, um sie vor dem sicheren Tod namens Justus zu retten, wobei mir Mama bei der ersten Hilfe unterstützt hat. Der Kindlibaum steht schon aufrecht und ich platze fast vor Stolz als Pflanzenmutter :). Eleanas und mein Plan ist es, neben dem momentanen Rosmarin noch Pfefferminze und Basilikum anzupflanzen. Unsere WG soll grün werden! Jup, dann waren wir noch in Tel Aviv, im Meer, in der farbigen Stadt, haben Äthiopisch gegessen. Und ein wenig die Altstadt entdeckt.
Viel erlebt. Aber von dem Wichtigsten hab ich noch gar nicht gesprochen. Von all den wundervollen Menschen hier. Ich bin froh, mit Eleana und Theo in der WG zu leben. Wir verstehen uns super, und auch Noah und Hilke, die immer wieder rüberkommen, sind so tolle Menschen. Es ist erleichternd, immer wieder bekannte Gesichter zu sehen in der noch unbekannten Welt. Leute, die ich im Vorbereitungsseminar kennengelernt habe, die dieselbe Ungläubigkeit in den Augen mit herumtragen, auf ganz andere Weise ausgedrückt. Aber dieselbe Faszination. Schon jetzt sind unzählige Diskussionen entstanden, Gespräche über Religion und Glaube, Momente, die mich bis in mein Innerstes berührt haben. Jerusalem hat etwas, das mich offener macht. Empfänglicher für das, was da ist und man trotzdem nicht sehen kann, irgendwie.
Ich fühle mich zwar weit weg von zu Hause. Aber ich fühle mich nicht allein.


Have a beautiful stay you beautiful, shining soul (i know its no discussion..)
enjoy your life as well, dear freespirited souldancer^^