Ich komm nicht mit so viel Freizeit klar.
Es ist viel zu warm um draussen zu sein, in einem Café war ich heute morgen schon, die anderen vom Compound schauen entweder „Haus des Geldes“, sind am Handy oder telefonieren mit Freunden. Lesen? Auch keine Option, dieser Ort hier ist noch viel zu unreal und fantastisch, um mich in einer anderen Welt zu verlieren. Meine Yoga/Dehn/Kraftübungen habe ich bereits gemacht, und ich schwitze schon nur wenn ich meine Finger auf der Tastatur bewege.
Nun sitze ich hier in meinem Zimmer und weiss nicht, was ich tun soll. Ein guter Moment, um die letzten Tage ein wenig in Worte zu fassen.
Hier kann ich noch kurz erwähnen, dass mein Blog eigentlich nicht ein Tagebuch werden soll. Ich möchte über verschiedene Themen schreiben in verschiedenen Posts. Nicht nur meine Aktivitäten, sondern auch vieles was ich hier lerne, möchte ich beschreiben und euch nahe bringen. Zum Beispiel das Schulsystem, typische Rezepte oder solche Sachen. Falls ihr mal eine Idee habt für ein Thema, was euch interessieren würde, sagts mir! Gerade ist aber noch alles zu neu und vielfältig und ungeordnet, was ich erlebe und sehe und aufnehme, als dass ich es es in Kategorien und Themen einordnen könnte.
Letzte Woche hat meine Arbeit begonnen. Naja, was heisst Arbeit: die ersten zwei Tage wurden wir in der Schule rumgeführt, wobei Luca, die Volontärin von letztem Jahr, uns die verschiedenen Jobs erklärt hat. Eleana wird in der Bibliothek arbeiten, Theo als Hausmeisterhilfe, ich im Büro. Was ich da alles zu tun habe und wie so ein Arbeitstag aussieht, schildere ich euch mal in einem separaten Post, wenn mal ein wenig Alltag eingetreten ist – momentan habe ich nämlich immer noch nicht so viel zu tun. Wir arbeiten jeweils bis 14:00, die Nachbetreuung der jüngeren Mädchen von 14:00 Uhr bis 16:00 Uhr beginnt erst nächste Woche. Freitags und Sonntags ist frei, Samstags Schule.
Ziemlich viel freie Zeit. Dazu kommt, dass wir an den Christlichen sowie die Muslimischen Feiertage frei haben: heute und Samstag sind solche Tage. Noch mehr freie Zeit.
Ich bin mir das so überhaut gar nicht gewohnt von zu Hause. Fast jeden Abend tanzen, und wenn nicht, dann Piccolo Stunde. Und jetzt? Nichts. Frei, nur frei, nichts zu tun. Die andern vom Compound haben sich mittlerweile beim Fitnessstudio angemeldet, ich nicht. Ist mir zu teuer, mit dem Tanzen nebenan. So habe ich mir am Montag zum Beispiel die fehlende Körperbewegung geholt, indem ich die Küche geschrubbt hab, als die andern im Fitnesstudio waren. Das sieht man zwar mittlerweile nicht mehr, aber es hatte sich gelohnt.
Trotzdem kommt da eine ganze Liste zusammen mit Dingen, die ich gemacht habe in den letzten Tagen. Da wir den Freitag frei hatten, beschloss ich, gefüllte Weinblätter zu kochen. Um 15:00 Uhr fing ich an, tatkräftig unterstützt von Luca und Carla, der Besuch von Luca und eine wundervolle Persönlichkeit. Um 20:30 konnten die Blätter serviert werden. Es hat so lange gedauert, aber jeder Augenblick in der Küche war es wert: die selbstgemachten Blätter schmeckten hammer und durch die lustigen, tiefen, verbindenden Gespräche sind die beiden mir sehr ans Herz gewachsen. Zu diesem selbstgemachten Festessen gesellten sich Ben und Justus aus der Bethlehem-WG und Lorenz aka ‚Lorenzo von Arabien‘, der im French Hospice arbeitet. Die Bethlehemer blieben das Wochenende über im Beit Noemie, unter anderem weil wir am Sonntagmorgen zur Behörde wollten um das Volontärsvisum zu beantragen. Dies scheiterte aber daran, dass wir Schmidt-Leute notorisch zu spät kommen, und Eleana und ich die Quittung vergassen. Beim späteren Frühstücken habe ich herausgefunden, dass Ben die Pflanzen, die ich notfallmässig mitgenommen hatte, selber gerne behalten hätte. Upps. Aber, zu meiner Verteidigung, hätte ich sie nicht mitgenommen, hätte es gar keine Pflanzen mehr zum behalten gegeben…
(Achtung aprubter Themawechsel: es ist 23:00 Uhr und ich finde um Himmels Willen keine passende Überleitung.)
Für Luca sind wir richtig dankbar. Es war so genial, dass sie uns so viel zeigen konnte. Durch ihr Zutun kenne ich nun die beste Schokoladencréme der Welt namens YOLO (die beste Ausrede, drei davon an einem Tag zu essen). Oder das Café Hillel, wo es leider kein Hillel-Sandwich gibt, dafür reichhaltiges Zmorge mit Hummus, Pesto, Olivenmuss, Ei und echter O-Saft, der nicht chemisch schmeckt. Nicht so wie der aus dem Paulus-Haus, den Noah uns geklaut hat. Für den Premium O-Saft sind wir wohl noch nicht gut genug. Vielleicht sollte ich da mal Hilke frage, die gibt sich nämlich eine Zehn in Sache Compound-Treue… Aber zurück zu Luca und ihrer Queenness. Sie hat uns beigebracht, wie man abends in die Bibliothek einbricht, um Filmeabende zu veranstalten, hat es uns erspart, am ersten Freitagabend zu verhungern, da man nur bis 15:00 einkaufen kann (Shabbat). Ihre Keks-Story und den Elias werden wir wohl nie vergessen – leider kann ich die hier nicht verewigen, das bleibt wohl Compound-und-Lorenzo-von-Arabien-Geheimnis. Sie hat uns auch in Sachen feiern für das nächste Jahr gerüstet: Nun wissen wir, wo man Alkohol kauft, trinkt, und wo man tanzen gehen kann.
Aber Luca hat uns nicht nur Sachen gezeigt. Luca war unsere Rettung. Sie ist der Grund, warum ich mich von Anfang an siche rgefühlt habe. Warum ich zu keinem Zeitpunkt mit der neuen Situation nicht klargekommen bin. Sie konnte uns so viel mitgeben von Tipps und Tricks, von den WG – Räumlichkeiten bis zu Emotionalen Situationen. Dass sie heute zurückgeflogen ist, zusammen mit Carla, hat mir einen Moment Unsicherheit in der Herzgegend bescheert. Luca und Carla, irgendwie gehören die beiden schon zum Inventar. Wenn ich Kontakt gesucht habe, konnte ich in die Küche gehen und fand die beiden dort auf. Es soll schon vorgekommen sein, dass ich eigentlich aufs Klo musste, wofür man die Küche durchqueren muss, und ich dann für etwa 20 Minuten in ein Gespräch verwickelt wurde, statt aufs Klo zu gehen. Wenn ich oder sonst jemand Lust hatte, die Stadt zu erkunden, nahmen uns die beiden mit, grosszügig und herzlich wie sie sind. Zahllose Sternennachtkonversationen entwickelten sich abends beim oder nach dem Abendessen, das mittlerweile nicht mehr nur aus Nudeln mit Tomatensosse besteht: Pfannkuchen, Pommes, Reis, Bratkartoffeln hatten wir öfters. Zum Abschied dieser vor positiven Energie strahlenden Personen sind wir (Hilke, Noah, Carla, Luca und ich) ins Erlöserkirche-Café gegangen. Ein Traum. Besser als das „Vonlanthen“, als den „Ängel oder Aff“. Es ist ein Kaffee im Kreuzgang der Kirche. Wir genossen die Location, wo Luca schonmal Capture the Flag gespielt hat, das Gespräch selbst weiss ich gar nicht mehr. Aber die Atmosphäre weiss ich noch genau zu bestimmen: geschützte, ruhige Entspannung zwischen den vielen grünen Pflanzen, wie ein gemütliches Aufwachen mit der Sonne und einem Lächeln im Gesicht. Danke ihr Zwei! Besser als so einen schönen Start in mein JerusalemJahr kann es gar nicht werden, hab ich das Gefühl. Ihr habt mir so viel Sicherheit gegeben, so viel Unnennbares, Unsichtbares, Helfendes, was mir keiner mehr nehmen kann. Nicht zuletzt die Freude an Knarfe^^.
Ein mulmiges Gefühl hinterlässt ihre Abreise schon auch. Das Gefühl, jetzt wirklich auf sich alleine gestellt zu sein. Auf sich und auf den Compound. Aber ich weiss, dass ich bei jeglichen Fragen Luca anschreiben kann. Und sie kann uns auch sehr gerne mal besuchen kommen. Alle Menschen sind hier willkommen, und Luca und Carla am meisten von Allen. Um es auch nochmal vermerkt zu haben: Luca wird in Freiburg studieren, und unser Plan ist es, etwa in einem Jahr in Basel im Rhein schwimmen zu gehen. Ich freue mich jetzt schon auf diesen Tag! Der kommen wird, daran glaube ich :).
Ja, und weiter? Morgen Arbeit um halb 8, dann Elternabend, abends gehe ich das erste mal ins Studio 6, das Tanzstudio, wo ich hoffentlich tanzen werde. Es wird ein offener Tag geben, wo all 20 Minuten die Tanzart und Lehrer wechseln, um so die verschiedenen Möglichkeiten kennenzulernen. Da muss ich den Stundenplan noch übersetzen, der ist nämlich komplett auf Hebräisch. Heisst copy-paste in Google Übersetzer. Ich bin schon sehr nervös, ob ich mich da zurecht finde, wie der Unterricht ist, wieviel ich denn da überhaupt verstehe in einer Stunde, wie mein Tanzlevel ist im Vergleich zu den anderen, wie ich akzeptiert werde und so weiter und so fort. Ich freue mich aber besonders darauf, israelische Menschen kennenzulernen. In der Schmidt Schule bekomme ich halt schon eher die palästinensische Sicht mit.
Fast genauso gehyped bin ich auch jetzt schon auf die Nacht von Freitag auf Samstag. In der Wüste übernachten mit den Bethlehemern und zwei aus dem French. Wow. Mein Herz springt jetzt schon fast aus meiner Brust vor Freude!
So. Das war’s eigentlich von meiner Seite.
Eigentlich. Denn es hat sich ein Goldmoment ereignet, während ich dies hier geschrieben habe: Hilke hat sich beim Schreiben zu mir gesellt. Sie am Handy, ich am Blog schreiben, Twenty One Pilots laut aufgedreht. Wir singen laut, tanzen sitzend mit. Pures Glück, pure Freude. Danke!