Ich habe von Mama ein Dankes-Tagebuch geschenkt bekommen für dieses Jahr. Jeden Tag mindestens drei Dinge, für die ich dankbar bin. „Das“, so habe ich gedacht, „Das ist etwas, was ich tatsächlich einhalten könnte.“ Hm. Nach vier Wochen, etwa 30 Tagen, sammeln sich in dem grünen Büchlein etwa vier Einträge. Vielleicht auch sechs, aber nicht mehr. Upps.
Aber es ist so schwierig! So schwer, wenn man in einer Stadt lebt, wo es immer was zu sehen gibt, wo man stundenlang einfach dem Strassentreiben zusehen kann, ohne, dass einem langweilig wird. Wenn ich in einer WG lebe, zusammen mit zwei so interessanten, wertvollen, herzerwärmenden Menschen wie Eleana und Theo, mit denen ich so gerne jeden Abend verbringen würde. Wie kann ich in meinem Zimmer sitzen bleiben, wenn ich höre, wie Noah unser WG-Reich betritt, lautstark an Theos Zimmertür klopft, wenn die Compound-Version von Marco-Polo zu hören ist (Indianer – Apache). Ich höre so gerne die Geschichten seiner Arbeit, seine Rages über Maria. Oder wenn ganz alltägliche Gespräche mit ihm urplötzlich in tiefgründige Themen umschlagen. Hilke höre ich nie kommen. Sie liegt meistens schon im Bett von Eleana, wann, wie und warum ist immer eine gute Frage. Wenn sie dann aber wach ist, dann wiederstehe ich selten dem Drang, Zeit mit diesem so einzigartigem Menschen verbringen zu wollen. So verbringe ich die meisten Abende in Gemeinschaft, oder in beschäftigung mit Hausarbeit, die sich nicht von alleine macht. Und dann falle ich tot ins Bett.
Die einzigen Momente, in denen ich Zeit hätte, in Ruhe zu schreiben, sind Nachmittags. Wenn ich tatenlos in meinem Büro hocke, weil ich die verschiedenen Listen schon upgedatet hab, oder wenn ich die Arbeit hinter mir hab. Das ist jeweils der Nachmittag. Morgens, Abends, Nachts, das wäre alles kein Problem, wenn dann meine ungefüllten Momente wären. Nur dann, wenn ich Zeit habe, ist verdammt nochmal Nachmittag. Wenn die Sonne am höchsten steht, wenn die Mädchen am lautesten sind, wenn meine Energie von Kaffee allein aufrechterhalten wird. An Nachmittagen bin ich erfüllt von Tatendrang, und finde gleichzeitig die Energie nicht, aufzustehen. Meine Hirnzellen fühlen sich an die ein vollgesogener Schwamm, der zwar Arme hätte, um sich auszuwringen, theoretisch auch die Motivation hätte, dies zu tun, der aber zu fett ist, um mit seinen kurzen Ärmchen irgendwas ausrichten zu können. In solchen Momenten bringe ich es nicht zustande, einen Artikel der ZEIT fertigzulesen, geschweige denn, einen halb lesenswerten Satz dahinzukritzeln.
Diese komische Mischung von Motivation und Antriebslosigkeit wird auch davon nicht aufgebrochen, dass es einfach eine solche Fülle an Eindrücken und Erlebnissen ist, die ich in mir gesammelt habe. Zu viele, um sie alle auf einmal niederzuschreiben, genug, um sie in Themen einzuordnen, wie ich das von anfang an wollte. Nur, wo fange ich an. Ich plane in meinem Kopf Blogeinträge übers Tanzen, über die Schule, über meine Arbeit, über die WG, über die Ausgangsmöglichkeiten, über Musik, über den Synagogenbesuch. Meistens scheitere ich schon daran, ein Thema auszusuchen, über das ich in diesem Moment schreiben möchte. Und wenn ich dann doch eines auswähle, so ringe ich mit den Worten, muss sie aus mir rauszwingen, während meine Gedanken irgendwo ganz weit weg wandern.
Erzwungene Sätze sind aber ohne Leben. Sie sind wie Lebenslaufdaten: Nicht besonders bemüht um die Formulierung, ohne persönliche Note dahinter. Sie sind einfach Fakten, mit denen man zeigen kann, wie toll man ist.
Das ist genau nicht mein Ziel. Ich schreibe ja nicht „Kommt, lest meinen Lebenslauf“, sondern „Komm mit in mein Lebensmosaik.“

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