Unter all den Aufgaben, die ich hier an der Schule habe, bin ich vor allem auch da, um einzuspringen. Wenn ein Lehrer oder eine Lehrerin fehlt, wenn ein Kind aus einer Klasse geholt werden soll. Oder wenn Schülerinnen einen Test schreiben und eine Aufsicht fehlt…
Klausuraufsicht. Es fühlte sich komisch an, da zu sitzen, wo ich doch noch nicht mal vor einem halben Jahr selbst eine von den Schülerinnen gewesen war. Es war ähnlich, wie als ich dem Lehrer einer Klasse melden musste, welche Mädchen die Hausaufgaben nicht gemacht haben. Grausame Situationen. Ich bin in zwei Teile gerissen, habe Mitleid. Es war ein Deutschtest, die Mädchen fragten mich nach der Bedeutung von „übersehen“, oder was „even“ auf Deutsch heisst. Ich fühlte mich schlecht, ihnen nicht zu helfen. Aber ich darf nicht. Meine Loyalität liegt bei der Institution Schule.
Allgemein ist dieser Wechsel gar nicht so leicht, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich glaube, in meinem Kopf ist noch gar nicht angekommen, dass ich nicht mehr Schülerin bin. Dass ich Volontärin bin, und arbeite. Obwohl, arbeiten ist das hier nur so halb. Ich sitze zwei Stunden am Tag im Büro und vervollständige Listen, quatsche mit Lehrer*innen und Verwaltungsmenschen, leiste erste Hilfe wenn ein Mädchen mit Bauchschmerzen anrennt oder umgefallen ist (Was viel zu oft passiert).
Neben meinem Bürodasein gehe ich in die Klassen 1 und 4 und helfe dort den Lehrern mit dem Deutsch und Englisch-Unterricht. In der vierten Klasse zum Beispiel gibt es drei Mädchen, die erst in diesem Jahr dazugekommen sind, und noch nie Deutsch gehabt haben. Mit ihnen gehe ich jeweils in die Bibliothek und mache so basic-Deutsch-Sachen. Ich mache es gerne, aber kleine Mädchen können auch unendlich auf den Sack gehen. Vor allem wenn sie mich auf arabisch zulabern und es witzig finden, dass ich sie nicht verstehe. Oder wenn sie Krankheiten faken, um nicht in den Unterricht zu gehen.
Um zwei wird der Ernst zu Spass: Der Waiting Room beginnt. Hier können die jüngeren Mädchen auf ihre Eltern warten und werden dabei von uns Volontäre bespasst. Sie lieben fangen spielen auf dem Spielplatz, und Uno ist auch hoch im Rennen. Dank letzterem hab ich solche Sachen wie die Farben oder „Du bist dran“ auf arabisch gelernt: Ahmar, ahdar, azra und azfr sind rot, grün, blau und gelb. Meistens bin ich vor dem Waiting Room so richtig am Ende meiner Energie. Und kommt dann der Waiting room, bin ich erst sehr genervt und hab keine Lust, renne aber spätestens um drei Uhr mit den Mädels durch die Gegend und sprühe fast vor Freude und Spass. Warum hören die Erwachsenen eigentlich damit auf, zu spielen? Etwas Auflockerung tut sehr oft Wunder, wenn man sich so ausgeleiert fühlt.
Apropos Auflockerung. Der Spotlehrer hat herausgefunden, dass ich tanze und auch unterrichtet hab. Ich darf jetzt einmal in der Woche in eine seiner Stunden und mache mit 9.- bis 12- Klässlerinnen ein Jazz-Warmup. Ich merke, wie die Mädchen die Abwechslung toll finden, und die Bewegungen sie herausfordern. Ich denke, sie sind es nicht gewohnt, so die Glieder zu strecken und lang zu ziehen, die volle Körpergrösse und dessen Raum zu spüren und nutzen. Genau gleich wie in der Schweiz. Als ich im Englischunterricht mal erzählt habe, dass ich normalerweise morgens Yoga-Übungen mache, war die Lehrerhin, Miss Silva, begeistert. Nun machen wir in der Stunde manchmal so kleine Stretch-Übungen mit den Kindern: Hoch strecken, Seiten dehnen, Hände auf den Boden und den ganzen Oberkörper entspannen, dabei hin und her wiegen. Miss Silva betont immer wieder, wie wichtig das ist für Kinder, und sie meinte, sie habe mittlerweile auch angefangen, morgens sich ein wenig zu dehnen. Ach, diese Frau ist so lieb! Es nimmt mich wirklich wunder, wie dieses Tanzen sich entwickelt im nächsten Jahr. Ob es sich hält, ob die anderen Lehrer auch damit anfangen, ob es irgendwann wieder verloren geht, wie so viele tolle Projekte.
Soviel zu meinen Aufgaben. Der Morgen geht gleich in den Nachmittag über, weswegen ich hier abbreche. In einer Viertelstunde muss ich mit den 2. Klassen los zum Schwimmen. Auf dass ich beim Warten auf das Ende der Schwimmstunde nicht einschlafe, so wie die letzten beiden Male….
Mit den Kindern unterwegs zum Schwimmen, by Eleana